Die Milchhändlerin und ihr Milchtopf

Vorsichtig trug Perrette den milchgefüllten Topf
mit einem Kissen auf dem Kopf;
sie hofft, ohn’ Hindernis glücklich zur Stadt zu eilen.
Ganz leicht geschürzt, geht schnellen Schritts sie zu;
um sich nicht zu verweilen,
nur einen Rock und flache Schuh’.
Schon zählt das Weibchen mit dem schlanken
und drallen Mieder in Gedanken
den Preis für ihre Milch; schon legt das Geld sie an,
kauft hundert Eier ein zum Brüten, und nach Franken
rechnet sie den Gewinn, den sie d’raus ziehen kann.
“Leicht wird es mir”, sagt sie mit Lachen,
“zu Hause aufzuziehen die Küken, zart und klein;
sehr schlau müsst’ Meister Fuchs es machen,
ließ’ er mir nicht genug zum Ankauf für ein Schwein!
Ein Ferkel mästen kann so schlimm nicht sein;
fett soll’s schon werden, hab’ ich’s erst, in jedem Falle!
Verkauf’ ich es, bringt’s mir ein rundes Sümmchen ein.
Wer will mich hindern, dass als schönstes Paar im Stalle
eine Kuh, ein Kälbchen auch ich für den Preis ersteh’,
das in der Herde dann ich lustig hüpfen seh’?”
Perette hüpft dabei selbst vor Freude. Jähen Falles
stürzt hin die Milch: Kuh, Kalb, Schwein, Küken – hin ist alles.
Die Herrin all des Guts sah mit betrübtem Blick
in Trümmern ihre Schätze liegen
und fürchtet, für das Missgeschick
Prügel von ihrem Mann zu kriegen.
Zur Posse ward der Scherz gemacht:
“Der Milchtopf” wurde viel belacht.
Wer liebt zu schweifen nicht im Blauen
und wer Luftschlösser nicht zu bauen?
Picrocholus, Pyrrhus und die Milchfrau – jeder fällt,
der Narr dem Weisen gleichgestellt,
dem wachen Traum anheim, der uns gefangen hält;
ein Trugbild, mit des Geistes Aug’ zu schauen,
zeigt: Uns gehört die Welt,
uns alle Ehren, alle Frauen.
Bin ich allein, tret’ ich dem Tapfersten zu nah,
ich schwärme weiter, ich entthrone Persiens Schah;
ein König, bin ich, steh’ auf hoher Zinne,
und auf mein Haupt regnet ein Diadem.
Ein Zufall wirkt, dass ich mich auf mich selbst besinne,
und siehe da: Ich bin das Hänschen wie vordem.

Jean de La Fontainela laitiere et le pot au lait